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Home»Produktion»Entwicklung»Charaktere im Drehbuch entwickeln: So funktionieren Filmfiguren

Charaktere im Drehbuch entwickeln: So funktionieren Filmfiguren

von Daniel Negenborn9. Mai. 202611 Min. Lesezeit
Charaktere im Drehbuch entwickeln
KI-Bild | DALL·E
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  5. Charaktere im Drehbuch entwickeln: So funktionieren Filmfiguren

Viele Charaktere im Drehbuch wirken im ersten Moment stimmig. Sie haben klare Eigenschaften, eine Hintergrundgeschichte und ein Ziel. Das eigentliche Problem zeigt sich dann meistens erst beim Schreiben: Ihre Entscheidungen wirken unklar, Reaktionen erscheinen austauschbar und es fehlt eine erkennbare Entwicklung.

Charaktere im Drehbuch entwickeln bedeutet, Figuren durch ihre Entscheidungen und ihre Konflikte sichtbar zu machen. Und genau darum geht es in diesem Artikel: Schritt für Schritt schauen wir uns an, wie aus einer Idee eine Figur entsteht und worauf man achten sollte, damit sich die Figur auch glaubhaft entwickelt.

Inhaltsverzeichnis

  • Gute Charaktere für ein Drehbuch entwickeln
    • 1. Einen Ausgangspunkt festlegen
    • 2. Ein klares Ziel für die Figur bestimmen
    • 3. Das innere Problem einer Figur
    • 4. Charaktere in konkreten Situationen
    • 5. Entscheidungen der Figur erzwingen
    • 6. Wiederholung mit Veränderung
    • 7. Der Moment der Entscheidung
  • Fazit

Charaktere für ein Drehbuch entwickeln

Viele Figuren scheitern nicht daran, dass die Grundideen schlecht sind. Das Problem entsteht oft früher: Beim Schreiben wird zu schnell über die Eigenschaften der Figuren nachgedacht und zu wenig darüber, wie sich eine Figur in einer konkreten Situation tatsächlich verhält. Das wirkt im ersten Moment logisch, führt aber fast immer dazu, dass die Figur später nicht richtig funktioniert.

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Man weiß dann zwar, wer diese Figur sein soll, aber nicht, was sie tut, wenn es unangenehm wird. Hier beginnt das eigentliche Problem. Denn eine Figur zeigt sich nicht in dem, was über sie gesagt wird, sondern in dem Moment, in dem sie handeln müsste und es entweder tut oder eben nicht.

Deshalb lohnt es sich, Figuren im Drehbuch zu entwickeln, indem man sie nicht als Sammlung von Eigenschaften denkt, sondern als etwas, das sich über ihr Verhalten entwickelt.

Charakterentwicklung im Drehbuch mit Figurenkonflikten
KI-Bild | DALL·E

1. Ausgangspunkt festlegen

Am Anfang steht selten eine fertige Figur. In den meisten Fällen gibt es nur eine grobe Vorstellung, ein Gefühl für eine Person oder eine Situation, die interessant sein könnte. Wie man aus so einem ersten Gedanken eine tragfähige Grundlage entwickelt, beschreiben wir im Artikel zur Drehbuchidee entwickeln.

Viele versuchen an dieser Stelle schon alles festzulegen: Hintergrundgeschichte, Eigenschaften, Motivation und Ziele. Das wirkt im ersten Moment strukturiert, führt aber oft dazu, dass man sich zu früh festlegt, ohne wirklich zu verstehen, wie sich diese Figur später verhalten wird. Viel sinnvoller ist es, mit etwas zu starten, das noch nicht vollständig ausformuliert ist, aber eine klare Richtung vorgibt.

Nehmen wir als Beispiel eine Figur namens Markus. Markus ist 40 Jahre alt, arbeitet seit Jahren in einem Bürojob und ist jemand, der im Alltag zuverlässig funktioniert. Er gehört zu den Menschen, die Dinge erledigen, keine Probleme machen und selten auffallen. Gleichzeitig ist er aber auch jemand, der unangenehme Dinge zu lange vor sich herschiebt. Gespräche, die geführt werden müssten, lässt er liegen, bis sie sich größer anfühlen, als sie eigentlich sind.

Dazu gehört auch der Kontakt zu seiner Schwester, der vor Jahren abgebrochen ist. Der entscheidende Moment liegt dabei in der Vergangenheit: Als ihr Vater im Krankenhaus lag, war Markus zwar vor Ort und wusste, dass er nur noch hineingehen müsste. Doch genau in diesem Moment entschied er sich aus Angst vor einem endgültigen Abschied dagegen. Er ging wieder, ohne sich dem Gespräch, der Situation und seiner Schwester zu stellen. Der Vater verstarb kurz darauf. Seitdem besteht kein Kontakt mehr zur Schwester.

Das ist zwar noch keine fertige Figur, aber es reicht, um zu verstehen, wo sie steht. Aus diesem Ausgangspunkt entwickelt sich alles Weitere.

2. Ein klares Ziel für die Figur bestimmen

Sobald dieser Ausgangspunkt steht, braucht die Figur ein klares Ziel. Dieses Ziel entsteht oft direkt aus der zugrunde liegenden Prämisse der Geschichte. Wie man eine starke Grundlage entwickelt, erklären wir im Artikel zur Prämisse im Drehbuch. Ein häufiges Problem ist, dass Ziele zu allgemein formuliert werden. Formulierungen wie „Er möchte sein Leben verändern“ oder „Er will glücklich werden“ klingen im ersten Moment sinnvoll, helfen beim Schreiben aber kaum weiter. Denn ein Ziel wird erst dann greifbar, wenn man es in einer konkreten Situation sehen kann. Wie so eine funktionierende Story entsteht, erklären wir im Artikel zur Filmdramaturgie in 9 Schritten.

Eine Figur ohne klares Ziel fällt beim Lesen nicht sofort auf, sorgt aber dafür, dass jede Szene an Spannung verliert, ohne dass man genau sagen kann, woran es liegt. Es fehlt die Richtung. Und ohne Richtung entsteht keine Bewegung. Bei Markus wird dieses Ziel irgendwann konkret: Er will den Kontakt zu seiner Schwester wieder aufnehmen. An diesem Punkt beginnt die Figur zu funktionieren. Denn plötzlich lässt sich dieses Ziel in konkrete Situationen übersetzen.

Zu Beginn unserer Geschichte verliert Markus seinen Bürojob und ist gezwungen, wieder in seinem alten Job als Verkäufer zu arbeiten. Am ersten Arbeitstag stellt er fest, dass seine Schwester dort arbeitet. Beide stehen sich plötzlich gegenüber – ohne Vorbereitung, ohne Ausweichmöglichkeit.

Und genau hier zeigt sich etwas Entscheidendes: Ein Ziel allein reicht nicht aus. Es sorgt zwar dafür, dass sich die Figur in eine Richtung bewegt, aber es garantiert noch keine spannende Handlung. Denn obwohl Markus weiß, was er will, tut er es nicht. Und genau daraus entsteht Spannung.

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3. Das innere Problem einer Figur verstehen

Ein Ziel allein macht noch keine Geschichte. Wenn eine Figur ihr Ziel einfach erreicht, gibt es nichts zu erzählen.
Die entscheidende Frage ist deshalb: Warum macht sie es nicht einfach? Genau hier liegt einer der häufigsten Fehler, wenn man Charaktere im Drehbuch entwickeln will. Ein Ziel ist schnell formuliert, aber das, was die Figur davon abhält, wird oft nur angedeutet oder gar nicht wirklich durchdacht.

Bei Markus zeigt sich das sehr deutlich. Er steht seiner Schwester gegenüber. Die Möglichkeit, mit ihr zu sprechen, ist da. Alles, was vorher gefehlt hat, ist plötzlich vorhanden. Und trotzdem passiert nichts: Er sagt nur das Nötigste, er vermeidet Blickkontakt, er hält Gespräche kurz und sachlich.

Das ist kein großes Drama – aber genau hier entscheidet sich, ob die Figur funktioniert.
Denn das Problem liegt nicht im Außen. Die Situation ist da. Die Möglichkeit ist da. Es gibt kein Hindernis, das ihn aufhält. Alles, was fehlt, ist die Entscheidung.

Genau deshalb liegt der eigentliche Konflikt in ihm selbst: Er weiß, was passiert ist und er weiß, dass er hätte hineingehen können. Und deshalb vermeidet er jede Situation, in der er sich dazu erklären müsste.

Diese Dinge müssen nicht perfekt formuliert sein. Es reicht, wenn sie spürbar sind. Denn genau hier entsteht der Widerstand, der die Figur trägt. Denn nicht das Ziel macht eine Figur interessant, sondern das, was sie davon abhält, es zu erreichen.

4. Charaktere im Drehbuch durch konkrete Situationen entwickeln

Viele Figuren wirken flach, obwohl sie eigentlich gut gedacht sind. Das Problem liegt selten in der Idee selbst, sondern darin, dass man sie nicht konsequent in konkrete Situationen übersetzt. Man weiß zwar, wie die Figur ist, aber man sieht es nicht.

Eine Figur wird erst dann greifbar, wenn sie sich in einer konkreten Situation entscheiden muss. Genau hier zeigt sich, wie gut man Figuren im Drehbuch entwickelt hat.

Bei Markus bedeutet das, dass man ihn nicht nur als jemanden denkt, der den Kontakt zu seiner Schwester vermeidet, sondern dass man ihn genau in diese Situation bringt. Zum Beispiel:

  • Er arbeitet mit ihr in derselben Schicht
  • Sie müssen gemeinsam Aufgaben erledigen
  • Der Chef teilt sie bewusst zusammen ein

Diese Situationen sind sehr konkret und haben direkten Einfluss auf Markus Verhalten:

  • Beim ersten Mal bleibt alles oberflächlich und distanziert
  • Beim zweiten Mal reagiert er kühler, direkter
  • Beim dritten Mal spricht sie ihn auf die Vergangenheit an und er weicht aus

Diese kleinen Unterschiede sind entscheidend. Denn genau hier wird sichtbar, wie die Figur mit ihrem eigenen inneren Problem umgeht. Es geht also nicht darum, möglichst viele Situationen zu erfinden, sondern die richtigen. Situationen, in denen die Figur handeln müsste und daran scheitert. Und genau aus diesen Momenten entsteht die emotionale Entwicklung der Figur.

Drehbuchautor entwickelt Charaktere
© HayDmitriy / Depositphotos.com

5. Entscheidungen der Figur durch Situationen erzwingen

Eine Figur kann in vielen Situationen sein und trotzdem nichts verändern. Genau das ist ein Problem, das oft übersehen wird. Solange eine Figur ausweichen kann, wird sie es in den meisten Fällen auch tun. Und genau deshalb reicht es nicht aus, sie nur in Situationen zu bringen. Es braucht Momente, in denen sie sich entscheiden muss.

Bei Markus bedeutet das, dass es irgendwann nicht mehr reicht, ihn nur ausweichen zu lassen. Die Situationen allein tragen ihn nicht weiter. Es braucht einen Punkt, an dem er nicht mehr einfach abbrechen kann, ohne dass es Konsequenzen hat. Zum Beispiel:  Der Laden ist voll, es ist stressig. Ein Fehler passiert. Seine Schwester reagiert ungewohnt direkt. Und dann sagt sie vor ihm ohne Umweg: „Du kannst also einfach nicht auftauchen, wenn’s drauf ankommt.“ Und genau dann entsteht Druck für Markus. Antwortet er oder schweigt er? Weicht er aus oder bleibt er stehen? Übernimmt er Verantwortung oder nicht?

Diese Entscheidungen wirken im ersten Moment klein, aber sie tragen die gesamte Entwicklung der Figur.
Denn eine Figur verändert sich nicht durch das, was passiert. Sie verändert sich in dem Moment, in dem sie sich anders entscheidet als zuvor. Deshalb sollte man sich merken: Eine Geschichte entsteht nicht durch Situationen allein, sondern durch die Entscheidungen, die daraus resultieren.

6. Wiederholte Situationen und veränderte Reaktion

Viele gehen davon aus, dass eine Geschichte ständig neue Ereignisse braucht, um interessant zu bleiben. Doch oft liegt genau darin das Problem. Es passiert zwar viel, aber die Figur entwickelt sich nicht wirklich. Entwicklung entsteht nicht dadurch, dass ständig etwas Neues passiert, sondern dadurch, dass sich eine Figur in ähnlichen Situationen anders verhält als zuvor.

Bei Markus wird genau das sichtbar. Es ist nicht jedes Mal eine komplett neue Situation, sondern immer wieder derselbe Moment, nur leicht verändert. Beispiele können sein:

  • Beim ersten Mal weicht er jeder persönlichen Situation aus.
  • Beim zweiten Mal bleibt er im Gespräch, sagt aber nichts Relevantes.
  • Beim dritten Mal reagiert er – kurz, ehrlich, ohne Ausweichbewegung.

Äußerlich passiert immer wieder etwas Ähnliches. Und genau das ist entscheidend. Denn die Situation bleibt im Kern gleich – aber die Reaktion verändert sich. Die Entwicklung wird sichtbar, ohne dass sie erklärt werden muss.

7. Der Moment der Entscheidung

Irgendwann erreicht jede Figur einen Punkt, an dem sie nicht mehr ausweichen kann. Und dieser Moment entscheidet darüber, ob die Entwicklung glaubwürdig ist.

Bei Markus zeigt sich das in einer Situation, die er eigentlich schon kennt und die sich trotzdem anders anfühlt.
Sie spricht ihn direkt darauf an. Es gibt kein Ausweg für ihn. „Warum bist du damals gegangen?“ Wie könnte Markus reagieren? Er reagiert zuerst wie immer. Er weicht aus. Er versucht, das Thema zu verschieben. Das ist genau der Moment, in dem viele Figuren wieder zurückgehen würden. Aber diesmal nicht: Er bleibt stehen und antwortet ihr.

In diesem Moment verändert sich etwas. Nicht, weil die Situation neu ist, sondern weil er zum ersten Mal anders handelt als zuvor. Was danach passiert, ist offen. Vielleicht wird das Gespräch schwierig, vielleicht bricht es wieder ab. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt, sondern, dass er gehandelt hat. Denn hier zeigt sich, wer diese Figur wirklich ist.

Fazit

Gute Charaktere im Drehbuch entstehen nicht dadurch, dass man sie nur theoretisch beschreibt. Sie entwickeln sich vielmehr in Situationen, in denen sie etwas wollen, daran scheitern und unter Druck Entscheidungen treffen müssen.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Figur, die auf dem Papier funktioniert, und einer Figur, die eine Geschichte wirklich spannend macht. Wenn man Charaktere im Drehbuch entwickeln willst, reicht es nicht zu wissen, wer jemand ist. Viel wichtiger ist, wie sich diese Person verhält, wenn es schwierig wird und Ausweichen keine Option mehr ist.

Markus ist kein außergewöhnlicher Charakter. Er hat kein besonderes Talent, keine extreme Geschichte und kein großes Ziel, das die Welt verändert. Und genau deshalb funktioniert er: Er weiß, was er will, aber er schafft es lange nicht, danach zu handeln. Und irgendwann gerät er in einen Moment, in dem er nicht mehr ausweichen kann.

Diese Entwicklung entsteht nicht durch große Wendungen, sondern durch wiederkehrende Situationen, in denen der Druck wächst und sich sein Verhalten Schritt für Schritt verändert. Darin liegt der Kern von Figurenentwicklung: Nicht das, was eine Figur sagt oder denkt, macht sie glaubwürdig, sondern das, was sie unter Druck tut, wenn sie sich entscheiden muss.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zum Drehbuch schreiben.
Hier gibt es alle Teile: Artikelserie „Drehbuch schreiben“

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Daniel Negenborn
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Daniel ist Gründer und Autor von FilmMachen.de. Der gelernte Mediengestalter Bild und Ton studierte Regie für Film und Fernsehen und arbeitet seitdem hauptberuflich als Filmschaffender in Deutschland. Auf FilmMachen.de schreibt er über alles, was mit dem Filmemachen zu tun hat.

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